Der Visionär aus Idlib

Eigentlich waren wir für halb Acht verabredet.
Dank meiner vorangeschrittenen Assimilierung an die kulturellen Gepflogenheiten dieser Stadt wurde es dann doch eher so halb Zehn.

Für einen Moment habe ich die Sorge, dass M. deshalb sauer auf mich sein könnte. Selbstverständlich würden es Sitten und gute Erziehung nicht erlauben, seinen Unmut mir gegenüber zu äußern. Gast ist König und so weiter und überhaupt ist Bescheidenheit und Selbstlosigkeit hierzulande so etwas wie common-sense – eine Tatsache, die meine Befürchtungen nicht unbedingt schmälert.

Ich habe die Sorge, ein schlechter Partner zu sein, weil ich durch meine Unpünktlichkeit sein Leben auf den Kopf stellen und ihm noch mehr Lasten aufbürden könnte, als er sowieso schon hat. Und so ganz ungefährlich ist das alles auch nicht, was wir da machen.

Mit Kameras und Aufnahmegeräten durch Antep zu düsen. Menschen zu treffen, die seit Jahren nicht gesprochen haben. Sie davon zu überzeugen, doch zu sprechen. Und ihnen dann noch zu erklären, warum sie ausgerechnet mit uns sprechen sollten: Mit einem schlaksigen Schwarzhaarigen in kurzen Hosen und einem breit gebauten Blondhaarigen mit weiten Hosen.

M. war nicht sauer. Er war müde. Schließlich hatte er den ganzen Tag gearbeitet, während ich meinem liebgewonnenen Arbeitsrhythmus frönen durfte:

Ergo: nachts frischgebrühten Kaffee schlürfen. Am Balkon Kette rauchen. In die Ferne blicken. Dann erst wieder zum Mittagessen erwachen.
Livin la vida Antep.

Ich habe mittlerweile gelernt, dass man immer etwas zu den Treffen mitbringen sollte. Bevorzugt irgendeinen Saft. Also frage ich M., ob wir nicht noch Saft besorgen sollten. Er sagt, er würde das gleich erledigen. Ich mache darauf aufmerksam, dass auch ich ausnahmsweise mal den Saft besorgen könnte. Natürlich wird er schlussendlich den Saft besorgen. Es ist sinnlos zu glauben, dass ich auch nur ein einziges Mal den Saft besorgen dürfte.

 

An unserem Ziel angekommen, spricht mich M. auf den Inhalt meiner Tasche an. Ich solle mein Zeug da lassen. Unsere Verabredung würde sowieso nicht einwilligen, sich filmen zu lassen. Er lebe in permanenter Angst vor Verfolgung und sei zusätzlich noch ein sehr konservativer Mensch. Natürlich lasse ich seinen Anweisungen Taten folgen. He knows best.

M.s Mahnungen erzeugen in meiner Phantasie die Vorstellung eines eingeschüchterten, paranoiden Vollbartträgers. Ich mache auf die den nächsten Minuten gefasst, in denen ich auf das Stereotyp eines nach Angstschweiß riechenden, wüste Beschimpfungen vor sich hin stotternden Salafisten treffen werde, der uns aufgrund einer gewagten Aussage sein stumpfes Küchenmesser in den Rücken rammen wird.

Als sich die Tür öffnet, verfängt sich mein Blick jedoch nicht in den Fuseln eines Bartes, sondern im lockigen Haar einer außerordentlich schönen Frau.

Sie stellt sich nicht vor, sondern bittet M. und mich in die Wohnung, die lediglich aus einem Bett, einer Couch mit dazugehörigem Tisch und einem Aschenbecher besteht. Ich fühle mich an eine Zeit erinnert, in der ich unzählige von Flüchtlingsunterkünften gesehen habe, die dieser hier in der spärlichen Art der Einrichtung bis ins kleinste Detail ähnelten.
Solche Zimmer beherbergen fast ausschließlich erschöpfte, resignierte, aber stets erbarmungslos liebevolle Eltern, die all ihr Hab und Gut zurückgelassen haben, um ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen, welche dafür umso hoffnungsvoller vor sich her strahlen.

 

20160829_225727

Auf dem Tisch erblicke ich unzählige, verschiedene Packungen Zigaretten, die alle unterschiedlich voll sind. Während ich neben ihm Platz nehme, setzt sich M. auf das Bett und beginnt zu telefonieren. A. fragt mich, ob ich bereits Erfahrungen mit dem Rauchen von Wasserpfeife gemacht hätte.
Sein Englisch ist besser als meines, sein Lachen ist strahlender als meines, sein Hang zur Selbstkritik ist noch stärker ausgeprägt als meiner.

Er fragt mich, ob ich Journalist sei. Ich verneine und bin augenblicklich froh darüber, dass ich M.s Anweisungen Folge geleistet habe. Mein Notizblock verharrt vorerst in meiner Arschtasche. Ich lege meine Zigaretten auf den Tisch und überkreuze meine Beine. Währenddessen versorgt uns seine Frau mit Trauben, Melonen, Nüssen und bereitet die Wasserpfeife vor.

Seine beiden Kinder sind zuckersüß. Ich zwinkere dem Jungen zu, der vor lauter Verlegenheit versucht, sich hinter seinem Plastikbecher zu verstecken. Ich lächle seine Tochter vorsichtig an. Sie hingegen ist nur halb so schüchtern und stolpert augenblicklich auf mich zu. Sie umklammert mein Bein.

„I am dissatisfied with my english-skills.“

A. erzählt von seiner Vergangenheit. Als ich ihn darauf anspreche, dass sein Englisch tadellos sei, bemerke ich, dass ihm das viel bedeutet. Er meint, er sei „dissatisfied“ mit seinen Skills. Ich antworte, dass man sich selbst stets der größte Kritiker ist. Er lacht und gibt mir Recht.

Als er noch in Idlib lebte, hatte er beruflich viel mit Touristen zu tun. Es machte ihn glücklich, mit ihnen auf Englisch zu sprechen. Es bereitete ihm Freude, wenn er bloß „Welcome“ zu ihnen sagen konnte und sie ihm daraufhin antworteten. Er strahlt, als er mir das erzählt. Sein Englisch klingt wie das eines Visionärs.
Später wird er mir erzählen, dass er im türkischen Flüchtlingslager als ehrenamtlicher Englischlehrer tätig war.

Die unzähligen Tage dort verbrachte er damit, sich auf eigene Faust politisch und sprachlich fortzubilden. Seine tägliche Hauptbeschäftigung bestand darin, „Voice of America“ im Fernsehen zu sehen und die Nachrichtenberichte anschließend auswendig in seinen Notizblock zu kritzeln. Er reicht mir den Notizblock, der knapp 200 Seiten beinhaltet. Keine einzige Zeile ist leer.
Seine Handschrift dafür wunderschön, sein Englisch perfekt.

 

20160829_230406

 

A. weigerte sich auf seine Landsleute zu schießen, als man ihn zu Beginn der Proteste dazu aufforderte. Er tat so, als würde er schießen. Er schoss in die Luft und verließ Syrien am nächsten Tag. Über die türkische Grenze. Und das mehrere Male. Immer wieder kehrte er nach Syrien zurück, nur um später wieder in die Türkei zu fliehen. Einmal ging er bloß zurück, um nach seinen Verwandten zu sehen.

Es war der hoffnungsvolle Jänner des Jahres 2012. Eine Zeit, in der Hunderttausende von Syrer die Straßen Idlibs gefüllt hatten, um in grenzenloser Vorfreude das baldige Ende der Schreckensherrschaft des Assad-Regimes zu bejubeln. A. war mittendrin.

Er tanzte im Kreis von Freunden und Familie und sang, dass Bashar Al-Assad bald schon das Schicksal Muammar Al-Gaddafis blühen würde, wenn die syrischen Revolutionäre nur die Hoffnung nicht aufgäben. A. war stolz auf die Menschenmengen, die auch in provinziellen Dörfern wie Bashirija auf die Straße gingen und erstmals der Angst vor Terror und Gewalt trotzten.
Es war sein Heimatdorf, das wegen der Demonstrationen sogar in internationalen Nachrichtensendern Erwähnung fand.

A. ist stolz. Und einer der ersten Soldaten, die in diesen Tagen desertieren und nach Bashirija zurückkehren, um ihr Zuhause mit Kalaschnikows zu bewachen.

Vier Monate später beginnt der blutige Rachefeldzug, der den siegessicheren Demonstranten gilt, die man nun auf der ganzen Welt kennt.

„Assad or we will burn the country“ – schallt es durch die Straßen, während aus herumkreisenden Hubschraubern Maschinengewehrsalven hunderte, dem Sturm auf die Stadt zu entkommen Versuchenden das Leben nehmen.
Soldaten plündern Häuser, richten Bauern auf offener Straße hin.

Das letzte, woran A. sich an diesem Tag erinnern wird, ist ein Graffiti, welches an der gegenüberliegenden Wand seines Hauses hinterlassen wird.

„Liwa al-Maut“ – „Brigade des Todes“.

Der Überfall der 76. Brigade der syrischen Streitkräfte treibt an diesem Tag mehr als 4000 Menschen in die Flucht. In die Türkei. A. ist einer davon.
Er hinterlässt seine Großeltern mütterlicherseits und väterlicherseits, seinen Bruder und seinen Onkel, welche in den darauffolgenden Tagen auf einem Erdhügel begraben werden.

A. weint nicht, er lacht. Seine Frau hält sich im Hintergrund. Sie blickt abwechselnd aus dem Fenster und dann wieder auf das Bett, auf dem der Junge mittlerweile friedlich schläft. Ich kann erkennen, dass sie sich Sorgen macht. Einmal richtet sie sich auf und tritt an den Tisch heran, um A. liebevoll darauf hinzuweisen, dass er weniger rauchen sollte.

Seine Erzählungen sind so voll mit Anekdoten, dass ich Sorgen habe, etwas zu vergessen. Eine Zeit lang hat er im Libanon gearbeitet. Als Koch.
Sein Chef, ein maronitischer Christ, forderte ihn dazu auf, an Protesten für das Assad-Regime teilzunehmen. A. erklärte ihm, dass er das nicht könne. Während er das erzählt, weist A. mehrmals daraufhin, dass sein Chef ein guter Mensch war. Er unterlässt es, seinen Glauben als Gegensatz zu seiner Gutmütigkeit zu begreifen. Er sagt nicht „trotz“, sondern lässt jeden kausalen Zusammenhang zwischen diesen beiden Faktoren einfach aus. A. erzählt, dass sein Chef den Libanon längst verlassen habe, weil er das Bedürfnis hatte, etwas zu unternehmen.

Mir kommt schlagartig das Bild eines Hezbollah-Kämpfers in den Sinn.
A. redet aber von Kanada.
Währenddessen erblicke ich mehrere Narben auf seinem Hals.
Sie sehen aus wie Schnittwunden.

Das Gespräch läuft von selbst. Er erzählt, ich nicke. Nach 4 Stunden Konversation passt kein Blatt Papier mehr zwischen uns. Ich bringe nichts Stichhaltiges aus mir heraus, außer ein zustimmendes „of course“, zu dem sich von Zeit zu Zeit ein eindringliches „totally agree“ hinzugesellt.

„Wir sprangen vor Freude in die Luft, als wir hörten,
dass Obama Damaskus bombardieren wird.“

Ich frage ihn, wieso Obama nichts unternommen hat, als die Giftgasattacken des Assad-Regimes publik wurden. Als A. während seines Aufenthalts im türkischen Flüchtlingslager hörte, dass Obama Damaskus bombardieren würde, hat er gemeinsam mit seinen Freunden Luftsprünge gemacht. Im ersten Moment glaube ich mich verhört zu haben und frage nochmals expliziter nach, in dem ich das Wort „foreign intervention“ verwende.

Er meint nur, dass die Syrer keine Freunde auf dieser Welt hätten.
„Poor things“ nennt er sie.

 

Der Ort, an dem wir A. trafen.
Der Ort, an dem wir A. treffen.

A. kann den Wortlaut der Rede Obamas, die er anlässlich der Chemiewaffenmassaker in Al-Ghouta gehalten hatte, auswendig aufsagen. Wir witzeln über „red lines“. A. spricht von Al-Qaida, ISIS und dem Iran als „Terrorists“ & „Animals“. Als „two sides of the same coin“. Als Schlangen, deren Köpfe man abhacken müsse und nicht – wie Obama es momentan tue – deren Hinterteile.

Ich erzähle ihm, dass in Europa die Vorstellung vorherrsche, dass der Irak-Krieg die Ursache für das Erstarken des Islamischen Staates sei. A. seufzt nur. Er spricht lieber über Sednaya – das Gefängnis, in dem die führenden Köpfe des IS durch die Baathisten ausgebildet wurden, um die syrische Opposition zu zerschlagen.

Er ist dankbar, dass er in der Türkei sein kann.
Er schämt sich, weil er dem Land nichts zurückgeben kann.
Er will weiter Englisch lernen, um die Türkei bald verlassen zu können.

Auch nach 5 Stunden Gespräch warte ich immer noch auf das Herausbrechen des ihm zuvor attestierten Konservativismus. Stattdessen spielt er aus dem Nichts einen Song von Nicky Minaj auf seinem Smartphone ab und wiederholt immer wieder den Refrain.

„Oh my God. Look at her butt.“

Wir unterhalten uns über eine pakistanische Sängerin, die zwar Geld wie Heu hat, aber deren Englisch für die Mülltonne sei. Wenn A. so viel Geld hätte wie die, würde er nur noch Englisch lernen, sagt er.

Seine Frau hat inzwischen die Wohnung verlassen.
Wie ich nachher erfahren werde, hat sie sich zu ihren Freundinnen gesellt, um uns nicht zu stören. Sie spricht nur Arabisch.

M. gähnt und hat sich mittlerweile seine Schuhe angezogen. Er möchte mir wohl signalisieren, dass wir bald gehen sollten. Mittlerweile sind wir bei den kulturellen Unterschieden zwischen Österreichern und Deutschen angekommen.

Er erzählt mir ein Klischee über Leute aus Idlib – ich erzähle ihm dafür eines über Leute aus Österreich. Leute aus Idlib würden angeblich alle Sodomie betreiben, erzählt er. Leute aus Österreich würden angeblich alle ihre Kinder im Keller einsperren, erzähle ich.

Wir lachen und zünden uns gegenseitig unsere Zigaretten an.
Unsere Hände berühren uns immer wieder. Ich plappere über meinen kaputten Schlafrhythmus. Er schwafelt von schönen Frauen. Wir sind beide schon sichtlich müde – denken aber nicht daran das Gespräch zu einem jähen Ende zu bringen.

A. spricht mich darauf an, dass ich bestimmt etwas von dem publizieren würde, was er mir gerade anvertraut hat. Für einen Augenblick fühle ich mich ertappt.
Er hat mir also doch nicht geglaubt, dass ich kein Journalist bin?
Wieso ließ er mich dann Fotos von seinen Notizen und seiner Wohnung machen?

Ich verspreche ihm, nichts zu tun, was ihm schaden könnte. Er bedankt sich. Nicht für mein Versprechen, sondern dafür, dass ich ihn besucht habe. Er wünscht sich, dass wir in Kontakt bleiben. Er will mich auf Facebook hinzufügen.

„I trust you, my friend.“

Way too dangerous, denke ich mir.
Ich versuche davon abzulenken.
Natürlich ohne Erfolg.

Sekunden später habe ich meinen ersten Facebookfreund aus Idlib. Er fragt mich, wieso ich nicht gleich gesagt hätte, dass ich „David“ heiße, sondern mich bloß als „Dave“ vorgestellt hätte.

Ich sage ihm nicht die Wahrheit.

Später werde ich M. darauf ansprechen.
Wir scheinen einen unterschiedlichen Begriff von Konservativismus zu haben.

A. scrollt auf seinem Handy und zeigt mir seine letzten Facebookeinträge. Sie handeln allesamt von Demokratie und Freiheit in Syrien. Er hat arabische Artikel auf Englisch übersetzt und fragt mich, ob sie grammatikalisch korrekt sind.

Ich schaue ihm dabei über die Schulter.
Eine Schlagzeile des Guardian taucht in seiner Timeline auf.
Wir lesen sie gemeinsam vor.

 

UN pays tens of millions to Assad regime under Syria aid programme
Exclusive: Guardian analysis shows series of contracts awarded to government and charities linked to president’s family

 

Schreibe einen Kommentar