Rahirja!

Plötzlich sitze ich wieder dort, wo alles begann.
Gaziantep. Sanko Park. Kahve Dünyesi. Caramel Machiato.
Diesmal mit 5 Kilogramm mehr am Körper und unzählige Stories mehr im Gepäck.

Vor gar nicht allzu langer Zeit saß ich an demselben Platz und überlegte, wo ich anfangen solle. Meine Überlegungen verwarf ich bald, weil sich alles, was ich plante, fügte oder in Luft auflöste.

Es wäre gelogen, zu sagen, ich habe Heimweh.
Es wäre gelogen, zu sagen, ich hätte mich an das Leben hier nicht gewöhnt.
Der irre Verkehr, die einprasselnde Hitze.
Die Hektik, die Ruhe.

Der Tagesablauf. Und die Stories.
Aufstehen, Kaffee, Zigarette, Stories.
Essen, Kaffee, Zigarette, Stories.
Zigarette, Kaffee, Essen, Stories.
Schlafen.

„Rah irja – Rah irja – Rah irja – Rah irja!“

Diese Worte wiederholte der junger Mann aus Salaheddine – einer kleinen Nachbarschaft in Aleppo – auf meine Frage, ob er davon träume, wieder nach Syrien zurückkehren zu können. Diese Worte wiederholte die junge Frau, die aus der kurdischen Nachbarschaft Ra’s al-‚Ain in Hasaka stammt und vor 4 Jahren die syrisch-türkische Grenze passierte, um ein neues Leben zu beginnen. Diese Worte wiederholte jeder einzelne Syrer und jede einzelne Syrerin, die ich in den letzten zehn Tagen traf, um ihre Geschichte zu erfahren.
Rah irja heißt Rückkehr. Es heißt auch nicht aufzugeben.

Ich muss zurückkehren, um all jene Geschichten auf Papier zu bringen, die diese Stadt schreibt. Es sind Geschichten voller Wut und Angst, voller Hoffnungslosigkeit und Zuversicht, voller Gemeinsamkeiten und Differenzen. Voller Zufälle und Schicksalsschläge. Alle sind geprägt von unterschiedlichen Erfahrungen, die ich kommentarlos stehen lassen werde, ohne sie zum objektiven Maßstab erheben zu wollen.
Ich möchte sie erzählen, weil die Menschen selbst sie nicht mehr erzählen können.

Viele meiner Gesprächspartner sind nun meine Freunde, die in Syrien einst einen Ort der rule of law angestrebt haben und bitter enttäuscht wurden. Unverantwortlich wäre es, sie während meines Aufenthalts in Antep zu veröffentlichen.
Zu leicht könnte man herausfinden, mit wem ich gesprochen und wem ich welchen Anfangsbuchstaben verliehen habe.

Ich packe meine Sachen, um in die ungeliebte Heimat zurückzukehren.
In das grantelnde Wien. In die Hauptstadt der bleichen Beine, die unter kurzen Hosen hervorblitzen.
Ma salama, Antep.
Rahirja!

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