Family Portrait

Das Paradies ist zerbombt.

Als M. und Ich von unserem Nachmittagsausflug zurückkehren, betritt ein neuer Akteur die Bühne. Nennen wir ihn der Einfachheit halber X.

X. ist die Variable, die mir im Verständnis von M.’s Charakterzügen, über die ich mir die letzten vier Tage immens den Kopf zerbrochen hatte, enorm weiterhilft.
Trotzdem wäre es mir lieber gewesen, unser Meeting hätte sich noch etwas hinausgezogen.

X. ist M.’s brüderliches Pendant und wie das bei großen Brüdern so ist, spiegeln sie sich ganz wunderbar. Während M. stets durch ein ruhiges, zurückhaltendes, zuvorkommendes aber trotzdem angenehm distanziertes Auftreten hervorsticht, ist X. sein komplettes Gegenteil.

Er ist prüde, spricht mit vollem Mund und zugleich ein Trottel vor dem Herrn. Er ist zynisch, chauvinistisch und autoritär. Er ist ordentlich, konservativ und einfach gestrickt.
Er trachtet danach meinen Schlafplatz in ein dunkles Eck zu verfrachten, kritisiert mich aufgrund meiner Rauchgewohnheiten und sieht in Europas (sic!) imperialistischer Außenpolitik die Ursache für den Bürgerkrieg in Syrien.
X. schwadroniert von Öl, von Islamophobie und vom dekadenten Westen.

M. sprach – wenn ich ihn denn mal zum Reden gebracht hatte – bisher vor allem von der Notwendigkeit einer Reformation des Islam und von Muslimen, die ein Problem mit Schwulen hätten, weil sie es selbst gerne wären. Er ist der kleine Bruder, der gelernt hat, die Klappe zu halten, weil sein großer Bruder ihm nicht zuhören würde. Weil er zu dumm ist, um zuzuhören.

Während X. meinen Namen ausspricht, als wäre er eine Zumutung, spricht M. meinen Namen aus, als wäre er Teil einer Oper.

X. sitzt breitbeinig beim Essenstisch, M. hat die Beine überkreuzt.
X. ist zynischer Karrierist, M. ist depressiver Intellektueller.
Wenn M. lacht, klingt es selbstanklagend, wenn X. lacht, klingt es höhnisch.
X. verbreitet eine Atmosphäre des Schreckens, die er dazu nutzt, um den gewalttätigen Familienfrieden aufrechtzuerhalten.
Während X. das große Zimmer des Apartments bewohnt und seit drei Jahren glücklich verheiratet ist, lebt M. in einem kleinen maroden Zimmer, das sehr schlicht eingerichtet ist.

Nicht, dass ich Angst vor X. hätte. Ich habe Mitgefühl mit M.
Zudem verstehe ich nun, wieso sich M. von Beginn an so aufopferungsvoll mir angenähert hat. Die gemeinsamen Unternehmungen sind auch für ihn eine Chance neue Erfahrungen zu machen. Während er im trauten Heim noch schweigsamer sein wird als zuvor, werden wir wohl öfter die Wohnung verlassen müssen, um in Ruhe zu reden und die Mauer des Schweigens durchbrechen zu können.
We don’t take kindly to threats.

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