„Gott liebt dich.“

Ich erblicke ihn zum ersten Mal, als er zwei Reihen hinter mir sitzt. Im Flieger Richtung Istanbul. Er trägt weiße Converse, enge, blaue Jeans und ein schickes T-Shirt.
Man merkt ihm an, dass er von hier ist.

Neben ihm sitzen zwei Flachzangen, denen man ebenfalls anmerkt, dass sie von hier sind. Bloß, dass das in diesem Fall etwas Anderes heißt. Sie faseln über die hinterlistige Weltpolitik. Dass alle diejenigen, die in der Öffentlichkeit vorgeben würden, sich zu bekriegen, hinter den Kulissen eigentlich miteinander bandeln würden.
Eigentlich faseln sie nicht. Sie brüllen ihren Schwachsinn geradezu unverhohlen hinaus. Durch die gesamte Boeing. Sie scheinen sich wohl zu fühlen, ansonsten sonst würden sie flüstern. Was zumindest mal ein Fortschritt wäre.

Als wir einige Stunden später im Flieger Richtung Gaziantep sitzen, erzählt mir H., dass diese beiden Deppen kurz vor dem Abflug noch drei Dosen Bier trinken mussten.
Als präventive Maßnahme, um den Urlaub doch irgendwie überstehen zu können. Ich fühle mich in meiner Vermutung bestätigt, dass es sich bei ihnen um wahrhaftige Deppen handeln müsse.
Als ich neben den beiden Deppen in der Warteschlange stehe, befragen sie mich interessiert nach meinem Reiseziel.

„Gaziantep“, sage ich.
„Was ist das?“ fragen die beiden Deppen im Chor. 

Nach einer sehr knappen Erklärung inklusive kurzen Anhaltepunkten (Grenzregion, Krieg und so weiter) – ich muss mich doch nicht mit ihnen zwanghaft unterhalten, bloß weil sie dieselbe Sprache sprechen wie ich – stellen sie mir die obvious question, ob das nicht zu gefährlich sei. Immerhin sei vor einer Woche ein Anschlag dort passiert. Ob ich denn keine Zeitungen lese, werde ich gefragt. In Gaziantep sei man nämlich nicht sicher.
Gewaltphantasien steigen meinem Körper empor.

Die beiden Deppen hingegen wollen nach Teheran. Das wundert mich natürlich überhaupt nicht, da passt ihr ja ganz gut hin, denke ich mir. Auf meine Entgegnung, ob das denn nicht ebenfalls ein wenig gefährlich sei, schmatzen sie, dass dort Frieden herrsche.
Ganz im Gegensatz zur Türkei. Oder zu Ägypten.
Gefährlich, so die beiden Deppen abschließend, würde es sowieso erst ab Afghanistan werden. Na dann.

Mir wird erst im Flieger nach Gaziantep klar, warum sich H. relativ gut mit den beiden Deppen unterhalten konnte: Weil er ähnliche Ansichten hegt. Allerdings blickt er nicht verbittert, oder gar zornig, während er sie mir ungefragt mitteilt., sondern er grinst freudig. Und das flüsternd. Er scheint, wenn schon nicht Scham, dann doch zumindest Feingefühl zu besitzen. Zumindest etwas.

Ich bin fuckin‘ exhausted, lasse mir aber nichts anmerken. Making the best out of the situation, denke ich mir. Nicht jetzt schon die Nerven wegschmeißen. Schließlich bin ich erst vor gut zwei Stunden den Sabiha Gökcen Haberleri entlang gestürmt, weil ich mich in der Gefahr wähnte, den Anschlussflug zu verpassen. Trotz vierstündigen Aufenthalts. Womöglich aber auch gerade wegen des vierstündigen Aufenthalts, während dem ich nichts anderes auf die Reihe brachte, als – trotz eifrigen Windes – Zigarette nach Zigarette zu rauchen, nachdem ich gezwungen war, das Zigarettendrehen temporär an den Nagel zu hängen und eine Packung Camel zu erwerben, um mich gegen die Windböen durchsetzen zu können.
Die Boarding Time zog sich natürlich noch zwei Stunden länger, weil der Anschlussflug Verspätung hatte. Diese zwei Stunden nutzte ich immerhin damit, mich bei den Einheimischen beliebt zu machen, um im Falle des Ausnahmezustands als einer von den Guten zu gelten: Ich half einer alten Frau aufzustehen und überließ meinen Sitzplatz einer türkischen Familie.

Zugegeben: Ich bin noch nicht oft alleine verreist. Es ist meine erste Reise on my own, und ich hatte mir diesmal vorgenommen, so gut wie alles auf mich zukommen zu lassen.
Also hörte ich H. einfach zu und tat so, als würde ich ihm zustimmen. Keine Ahnung, ob er es mir abkauft. Jedenfalls scheint er sich nicht unwohl zu fühlen, denn als wir ungefähr in der Mitte des Fluges angekommen sind, erzählt er mir, dass er von hier ist. Aus Gaziantep.

Er besucht seine Familie. Besser: Das, was davon übrig geblieben ist, seit er vor gut zehn Jahren wegen einer Liebesbeziehung nach Linz gezogen ist. Er hätte sofort erkannt, dass ich ein Wiener sei, teilt er mir mit. Ich verkneife mir die Frage, ob man mir das ansehen würde.

Es stellt sich heraus, dass wir ganz gut miteinander können und ich versuche zu verdrängen, dass er vor gut 30 Minuten noch die United States of America für
a) die sinkenden Popularitätswerte Recep Tayyip Erdogans
b) den massive Zuwachs österreichischer Unterstützer für die PKK
und zu Guter letzt
c) den hinterlistigen Mord an anständigen Männern wie Muammar Al-Gaddafi
verantwortlich gemacht hat.

Ob ich denn wirklich glaube, dass Jörg Haider eines natürlichen Todes gestorben sei, fragt H. – und grinst dabei ziemlich schnuckelig.
Ich lenke das Gespräch auf seine Linzer Liebschaft.

In Gaziantep angekommen, sind wir soetwas wie Kumpels. Er fragt mich, ob ich im Stress sei oder ob wir noch in aller Ruhe eine Zigarette rauchen wollen. Ich teile ihm in Anspielung auf unser vorheriges Gespräch mit, dass ich mich gerade eben nicht in Österreich aufhalten würde und daher gerade keinen Stress kenne. Wir rauchen also noch eine. Wie ungefähr alle hier, die ebenfalls nichts anderes im Sinne zu haben scheinen.
Rauchen und sich nicht stressen lassen.
çok güzel! 

Ich fühle mich wohl, einen Einheimischen wie ihn an meiner Seite zu haben, der mich fast schon etwas väterlich behandelt. Wir kaufen uns beide eine Stange Zigaretten, lernen andere Exiltürken kennen und er hilft mir meine Unterkunft zu finden. Er organisiert das Taxi, wir teilen uns die Lira und er telefoniert mit meinen Hosts. Wir sind ein recht gutes Team und der Kaffee, den ich gerade eben noch an Bord zu mir genommen habe, verleiht mir die nötige Portion Keckness, um mit ihm mithalten zu können.
Wir witzeln, wir scherzen, wir haben Spaß. Was für ein Glück.

Als wir kurz davor sind ins Taxi einzusteigen und ich merke, dass ich mal wieder keinen Finger rühren musste, um mehr als nur planmäßig an mein Ziel zu kommen, nimmt H. einen tiefen Zug von seiner Zigarette und blickt mir dabei andächtig in die Augen.

„Gott liebt dich.
Sonst hätten wir uns nicht kennengelernt und alles wäre jetzt viel komplizierter für dich.“

Alright.

Ich will mich H. nicht noch weiter aufdrängen. Seine Großzügigkeit bereitet mir Kopfschmerzen, weil ich mir immer mehr wie ein verwöhnter Balg vorkomme, der sich auf Kosten Anderer herumkutschieren lässt. Ich teile H. mit, dass er mich hier ruhig alleine stehen lassen könne. Sein Bruder, in dessen Residenz er nächtigen wird und die zu allem Überfluss nur 500 Meter von meiner entfernt liegt, warte bereits auf ihn. Er hat schon genug für mich getan. Wir tauschen Handynummern aus. Er steckt sich noch eine Zigarette an. Ich auch. Ich stelle mir vor, wie wir die nächsten zehn Tage gemeinsam durch die Häuser ziehen. Er lässt nicht locker.

„Ich will dich zuerst in Sicherheit bringen.
Dann werde ich weiterfahren.“

In Sicherheit also. In diesem Moment taucht M. auf. Er stellt sich als mein Host vor und schüttelt unser aller Hände. H. teilt mir mit, dass er erst Mittwochs wieder in Gaziantep sein werde, weil er auf die Beerdigung seines Vaters müsse.
Die Vorstellung vom gemeinsamen Urlaub zerplatzt augenblicklich.

Plötzlich knallt es. Klang nach einer Detonation, könnte aber auch nur ein Feuerwerk gewesen sein. Ich frage mich, wie zynisch man sein müsse, um selbst in Gaziantep noch mit Feuerwerkskörpern zu spielen. Vielleicht ist es aber auch einfach guter, schwarzer Humor. Ich denke an Wien und beginne mich heimisch zu fühlen.

Als wir am Balkon angekommen sind, knallt es nochmals. Diesmal erheblich lauter. Das Baby vom Balkon gegenüber beginnt zu weinen. M. macht das Licht aus. Er vertraut dieser Stadt nicht, flüstert er leise. Ich frage ihn, was das gerade eben denn gewesen sei.
Ob er Angst hätte.

„I am Syrian.
No problem.“

Jetzt bin ich endgültig in Gaziantep angekommen.

 

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