G-Unit

Als ich aufwache, sind wir zu dritt.
Ich registriere, dass seit mehreren Stunden jemand auf einer Tastatur tippst. Es hört sich nach einem konzentrierten Tippsen an, nicht nach Nervosität oder Stress. Das beruhigt mich. Das spontane Ertönen des Mullahs gegen fünf Uhr morgens hatte mich dazu bewegt, den Balkon zu verlassen und es mir auf dem Sofa bequem zu machen.

N. ist offensichtlich auch nicht von hier, aber aus demselben Grund da wie wir alle. Ich fühle mich kein bisschen unwohl, obwohl er bereits seit vier Stunden gegenüber von mir saß, während ich noch gemütlich vor mich hin döste. Als ich einen flüchtigen Blick auf seinen Laptop werfe, sehe ich eine Excel-Tabelle voller arabischer Lettern. Ich lese etwas von einem „Syrian Council“ und einer Auflistung von verschiedenen FSA-Gruppen.
Seems like we share the same fate.

Ihm sieht man tatsächlich an, dass er Wiener ist. Das macht es mir einfacher, schnell Kontakt aufzubauen. Als wir das Apartment verlassen, ziehen wir amüsiert über unsere Erfahrungen auf der Universität her und landen sehr schnell bei den üblichen Verdächtigen. Wir einigen uns darauf, dass G. unfähig wäre, Donald J. Trumps außenpolitische Ambitionen zu begreifen, da sie seinen Isolationismus teilen würde.

Es hat 40 Grad und wir besorgen uns Saft und Olivenöl. Er spricht fließend arabisch, weil er die letzten vier Jahre in Bosnien, Afghanistan und dem Libanon verbracht hat. Zudem ist er verkatert, weil er gestern Abend ein Meeting hatte, bei der alle mächtig gesoffen haben. In Gaziantep.
Wenn das die Deppen wüssten.

Die Stadt brüht. Noch nicht einmal wegen der Hitze, sondern wegen den unzähligen Eindrücken, die wir sammeln. Mit M. an meiner Seite fühle ich mich wie auf einer geheimen Mission. Wir fallen beide auf, aber ignorieren die verwirrten Blicke. Alle Leute sind nett zu uns. M. meint, dass sie nur nett sind, weil sie Geld wollen. Ich glaube ihm das für das Erste.

Der Verkehr ist noch verrückter, als sonst wo.
M. meint, dass das hier nicht der typische Nahe Osten wäre.

„Traffic in Antep is the killing version of Middle Eastern traffic.“

Wir sind das perfekte Team. Ich habe keine Ahnung, wieso er so drauf ist, was das alles für ihn heißt, aber wir tun einfach so, als würden wir uns seit Jahren kennen. Er meint, dass wir nicht viel Zeit hätten, weil ich bald fahren müsste.

Alright.

Wir kaufen Sim-Karten, Memory-Cards und ein Zweithandy. Er checkt die Kontakte. Er telefoniert wie ein Verrückter und ich sitze daneben, esse gebratene Leber und bin entzückt, ob der Diversität dieser Stadt.
Wir jagen nach syrischen Stories. Ich bin noch keine vierundzwanzig Stunden hier und schon ist mein Terminkalender für die nächsten Acht Tage voll.

M. und Ich gehen durch die Straßen, als wären wir Brüder und als wäre Gaziantep unser Geburtsort. Ich vergesse regelmäßig, dass wir aus reinem Zufall in diesem Limbus gelandet sind. In einem typisch-syrischen Handyshop angekommen, unterhalten wir uns dreisprachig. Arabisch, Türkisch, Englisch. Alle sind freundlich und agieren technokratisch. Business as usual. Immer wieder rutscht mir ein deutsches Vokabel raus.

M. versteht mich trotzdem. I am overwhelmed.

Wir ernten verwirrte Blicke von Einheimischen, als wir durch die Straßen ziehen. Ich, der white-dude mit der langen Hose, er der dufte Syrer mit kurzer Hose und Sonnenbrille.
Wir marschieren durch die Shopping-Mall, obwohl wir dort nichts verloren haben.
Wir marschieren durch die Shopping-Mall, weil wir dort nichts verloren haben.
Wir marschieren durch die Shopping-Mall, damit wir ungestört Gespräche führen können.
Er brieft mich.

Zurück am Balkon angekommen, teilt mir M. mit, dass es heute Abend losgehen könne. Plötzlich knallt es wieder. Wir lachen beide intuitiv los. 15 Minuten entfernt von unserer Residenz hält Recep Tayyip Erdogan gerade eine Rede, um die Angehörigen der Opfer des Attentats der letzten Woche zu stärken.

„What a crazy city!“, sagt M.
„Let’s do this!“, sage ich.

Wir marschieren durch Gaziantep, als wären wir eine Einheit.
G-Unit. Gaziantep-Unit.

 

 

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