Coffee Annan

– „Hast du Hunger?“
– „Ich denke, ich sollte etwas essen, ja.“
– „Du bist zu 100% wie er – unglaublich.“

Sein Lachen klingt bitterlich. Wir reden über schwarzen Humor. Über Wien. Und über Hama. Die Stadt aus der er vor gut zwei Jahren geflohen ist. Er vermisst das Leben dort nicht. Er hat gelernt zu hassen. Ich komme mir blöd vor, als ich ihn frage, ob er manchmal davon träumt zurückzukehren. Er antwortet kühl, dass er in Gaziantep alles hätte, was ihn gerade eben glücklich macht.

Er zeigt mir, wie man syrischen Kaffee macht.

„Wenn der Kaffee zu lange am Herd bleibt,
gibt es ein großes spill-over.“

„Wie beim syrischen Konflikt.“
„Ja. Dann kommt Coffee Annan
und sagt, dass er besorgt ist.“

M.’s Höflichkeit treibt mich mindestens genauso in den Wahnsinn, wie es seine unkomplizierte Art und Weise tut. Ich kann mich gar nicht so oft bedanken, wie ich wollen würde. Meine Selbstscham findet ihren bisherigen Höhepunkt, als ich beim Abendessen Messer und Gabel verwende und er mich fragt, ob ich denn noch nie mit Syrern gespeist hätte. Ich habe M. jetzt schon ins Herz geschlossen.

Er erzählt mir, dass seine letzten 24 Monate in Gaziantep aus nichts Anderem bestanden haben, als Fluchtgeschichten von Syrern zu sammeln.
Sein Partner war der, dem ich so ähnlich zu sein scheine.

Er bietet mir sein Zimmer an – ich überlasse ihm sein Zimmer und behalte es mir vor, die Nacht auf dem Balkon zu verbringen. Bevor er ins Bett geht, erzählt er mir noch, dass ich fälschlicherweise von zwei Millionen Flüchtlingen geschrieben habe, die in der Türkei Zuflucht finden und selbst offizielle Regierungszahlen würden mittlerweile von drei Millionen Flüchtlingen sprechen.

Sprachlos wie ich bin, teile ich ihm mit, dass ich keine vier Stunden in Gaziantep sei und mir jetzt schon vorstellen könne, mein Leben hier zu verbringen. Er meint bloß, dass heute Abend erst die „preparation phase“ gewesen sei. Morgen ginge es erst richtig los.

„Gaziantep is amazing.
You will love it.“

Was du nicht sagst, mein Freund.

 

Schreibe einen Kommentar